Vocalensemble Rüsselsheim e.V. - Chor

Vocalensemble Rüsselsheim e.V. - der Chor


Die Aktionen

Die Aktionen

Das interessiert doch kein Schwein


von Hans-Georg Chwalinski


".....wen kümmert es, was das Vocalensemble Rüsselsheim außerhalb der Probenzeiten und Konzerte macht?"

".....das ist doch nichts Besonderes, das macht doch jeder Verein."

".....nur keine Selbstbeweihräucherung."

Wäre es in der Planungsphase der vorliegenden Geburtstagsschrift nach diesen Einschätzungen gegangen, so hätte meiner Meinung nach ein wichtiger Beitrag gefehlt.

Denn ich stelle andere Fragen:

"Warum sollen wir nicht davon erzählen, was außerhalb der üblichen Probenarbeit dazu beiträgt, daß unsere Konzerte und Auftritte unserem Publikum in der Regel ganz gut gefallen?"

"Macht nicht erst das, was 'nebenbei' in einem Verein geschieht, den vielbeschworenen und so notwendigen Teamgeist aus, und ist nicht oft gerade dies der Hauptbeweggrund für die Mitgliedschaft in einem Verein?"

"Habe ich vielleicht vergessen zu erwähnen, worum es hier eigentlich geht?"

Da Sie, liebe Leserin, lieber Leser, diesen Aufsatz bis hierher interessiert gelesen haben, ahnen Sie das schon. Jeder gute Verein oder Chor macht solche Sachen. Für mich sind die unvergeßlichsten Erlebnisse neben unseren Konzerten - die Chorfahrten!

Siebenmal waren wir in den vergangenen 10 Jahren unterwegs, und siebenmal war ich begeistert von dem, was da "abgegangen" ist.

Natürlich interessiert es kein Schwein, höchstens ein Wildschwein, daß wir zweimal in Ebernburg waren. Für Außenstehende gibt es keinen Grund, den Jossgrund im Spessart besonders interessant zu finden, wo wir 1989 ein herrliches Wochenende verlebten. Es war auch keine Wallfahrt nach Walldürn, sondern eine Fahrradchorfahrt nach Rippberg bei Walldürn, die wir 1991 unternahmen. Daß wir in diesem Jahr in Oberreifenberg im Taunus waren, interessiert sowieso keinen, weil das zu wenig weit weg ist und jeder schon mal da war. Die beiden Male, die wir auf einer kombinierten Konzert-/Chorfahrt in Rugby waren, brauchte ich gar nicht zu erwähnen, denn dort sind nicht nur die Rüsselsheimer Sportler seit 20 Jahren zu Hause.

Möglicherweise interessiert Sie das alles ja wirklich nicht.

Ich finde Ihre Einstellung richtig und gehe sogar noch weiter: Eigentlich geht Sie das alles auch gar nichts an. Deshalb werde ich den Teufel tun und Ihnen sagen, wer welche Talente an den Tag gelegt hat, als es im Jossgrund darum ging, die überzeugendste musikalisch-dichterische Fremdenverkehrswerbung für diesen idyllischen Spessartort zu gestalten. Oder, wer den Federweißen mitgebracht hat, der am nächsten Tag, wem auch immer, das Dichten und Komponieren schwer machte. Von allgemeinem Interesse dürfte allerdings sein, daß dieses Getränk andererseits in der Lage war, ein Team zu Spitzenleistungen zu beflügeln.

Es wäre auch zuviel von Ihnen verlangt nachzuvollziehen, was es bedeutet, an einem ‘alliterarischen’ Univerbalwett-bewerb an einem Wochenende in Ebernburg teilgenommen zu haben, bei dem den teilnehmenden Teams zur Auflage gemacht war, jedes Wort der Dialoge der ganzen Ebernburgsage mit ein und demselben Buchstaben beginnen zu lassen. Probieren Sie’s ruhig aus. Lassen Sie die einzelnen Wörter in der folgenden Frage zum Beispiel alle mit ‘P’ beginnen oder wenn Sie es einfacher finden, mit ‘E’:

"Geliebte Gräfin, wollen Sie meine Gemahlin werden?"

Großes ‘G’ ginge grandioser, denken Sie sich jetzt? Gut. Gerne gestalten Greise gestikulierend grummelnde Gesänge. Geht gut.

Versuchen Sie’s also meinetwegen mit ‘G’. Und das ganze in Verkleidungen und mit Requisiten aus dem Hotelfundus, Vorhänge, Kissen, Servietten, Lampenschalen, schlichtweg alles Verwendbare an beweglichem Inventar. Ich verrate Ihnen nicht, wer in den einzelnen Theatergruppen den jeweiligen Eber spielte und wer sich entsprechend ver- bzw. entkleidete.

Sie fangen an, Geschmack an derartigen Kindereien zu bekommen? Ich muß Ihr erwachendes Interesse zügeln. Chorfahrten sind hart. Es wird nämlich auch geprobt, oder es werden, wie die beiden Male in Rugby, ganze Konzertaufführungen mit eingeplant. Trotz der ‘feierlichen’ Begleitumstände ist es für manche und manchen manchmal schwer bei Stimme zu bleiben. Das trifft besonders die hohen Stimmlagen. Dafür gibt es Sternstunden für Altstimmen und Bässe, und ich als Bariton bin endlich mal ein tiefer Baß.

Wenn ich Ihnen jetzt noch erzähle, daß eine Chorfahrt zu einem stundenlangen, ziellosen Chorgang durch den kalten, wilden Taunus werden kann, wird Ihr Interesse schlagartig auf kalte 8° Celsius und böige, westliche Winde reduziert werden. Es sei denn, Sie hätten gewußt, daß der Rotwelsch-Ausdruck ‘Zinken’ soviel wie ‘Zeichen’ bedeutet und nicht mit einem Limesturm auf einer Wegemarkierung verwechselt werden darf. Sie glauben ja nicht, wie Kälte verbindet. Da kann es schon mal Theater geben, bei dem der Verirrsacher gesagt bekommt, was ein Zinken ist. Eigentlich gibt es immer Theater bei uns. Was da an Kreativität, Phantasie und schauspielerischen Talenten mobilisiert wird, beeindruckt mich jedesmal.

Haben Sie’s gemerkt, liebe Leserin, lieber Leser, daß ich Sie eben mal ganz kurz vergessen hatte? Soll nicht mehr vorkommen, dieses Beweihräuchern. Nur noch Themen von allgemeinem Interesse, wie abgemacht, ja?

Radfahren. Das ist gesund, umweltschonend und von allgemeinem Interesse. Damit hat jeder seine Erfahrungen. Aber besonderen Spaß macht es, wenn der ganze Chor sich auf die Räder setzt und nach Walldürn radelt. Naja, von Rüsselsheim bis Aschaffenburg waren es Eisenbahnräder, aber da blieben noch einige Kilometer übrig.

Haben Sie übrigens vor zwei Jahren in den Rüsselsheimer Tageszeitungen über die Ebernburger Theatertage gelesen? - Das waren wir. Wir hatten mit unseren Aktivitäten nicht nur in Ebernburg ungeahntes öffentliches Interesse erregt. Kulissenmalen im Ebernburger Künstlerbahnhof, am Abend Achtuhraufführung im großen Saal des Ebernburger Hofes, im Publikum die Pressevertretung.

Liebe Leserin, lieber Leser, ich bin selbst ganz beeindruckt. Hier war es nun endlich. Das allgemeine, öffentliche Interesse an unseren Chorfahrten. In drei Zeitungen an zwei verschiedenen Orten dieser Welt. In Ebernburg und in Rüsselsheim. Ich bin so stolz. Es übermannt mich geradezu. Ein Kloß im Hals und Knoten in meinen Fingern verhindern um ein Haar die weitere Berichterstattung über unsere Chorfahrten, und ich bitte meine geneigten Leserinnen und Leser nur noch, mir die beabsichtigte Subjektivität dieser Zeilen zu vergeben.

Wie groß das Interesse in den Medien an unseren Chorfahrten wirklich ist, verdeutlicht am besten ein Artikel aus der Mainspitze des Jahres 1996. Da wurde das Vocalensemble Rüsselsheim nach Bodrum in die Türkei geschickt, und keiner im Chor wußte etwas davon. Natürlich wären wir gerne gefahren, der Artikelschreiber hat es doch so gut mit uns gemeint.

Meine Lieben, ich darf Sie doch nach dem, was uns nach diesem Bericht alles verbindet, so nennen? Hatten Sie jemals in Ihrem Leben das Gefühl, daß Ihnen zwei Tage wie eine Woche vorgekommen sind, und war es Ihnen hinterher gleichzeitig so zumute, als seien Sie aus einem Nest gefallen? Dann haben Sie schon mal so was Ähnliches erlebt, wie ich bei den Chorfahrten mit dem Vocalensemble Rüsselsheim.

Egal, ob es nun Interesse oder Neugier waren, die Sie veranlaßt haben, mir bis hierher zu folgen. Wenn Sie in Zukunft eines unserer Konzerte besuchen und möglicherweise etwas von der Harmonie spüren, die bekanntlich nur zwischen Menschen möglich ist, die sich gut kennen, dann wissen Sie jetzt, daß dies vom fleißigen Üben kommt, aber natürlich auch von unseren Chorfahrten.